Es war ein Donnerstag, kurz nach halb eins. Ich saß mit Kathrin in der Kantine — wir arbeiten seit Jahren im selben Büro und essen meistens zusammen. Kathrin ist 56, arbeitet ebenfalls Vollzeit und hat eine Britisch Kurzhaar namens Paula, sechs Jahre alt. Ich hatte schon öfter von Paula gehört, aber an diesem Donnerstag zeigte Kathrin mir die neuesten Bilder auf ihrem Handy.
Paula auf dem Sofa. Paula am Fenster. Und dann das Bild, bei dem ich länger hinschaute als bei den anderen: Paula in diesem Ding, vertieft, konzentriert, mit dieser wachen, angespannten Körperhaltung, die ich bei Mia seit Monaten vermisst hatte. Ohren nach vorne, Körper leicht geduckt, Blick fokussiert. Nicht leer. Nicht abwesend. Lebendig.
Ich fragte Kathrin: „Wie hast du das geschafft? Paula sieht so beschäftigt und zufrieden aus."
Kathrin lachte kurz auf — nicht belustigt, eher so, als hätte sie mit der Frage gerechnet. „Ganz einfach", sagte sie. Und dann fing sie an zu erklären.
„Ich habe jahrelang Spielzeug gekauft", sagte Kathrin. „Alles Mögliche. Paula hat es drei Tage angeschaut und dann nie wieder. Ich hab das immer für Launen gehalten — bis mir jemand erklärt hat, dass es kein Laune-Problem ist, sondern ein naturbedingtes."
Ich hörte gespannt zu, den Kaffeebecher in beiden Händen.
„Das Problem war nicht Paula", fuhr Kathrin fort. „Das Problem war, dass ich ihr Spielzeug gekauft habe, das immer gleich bleibt. Und eine Katze, die von Natur aus ein Jäger ist, kann sich an etwas Gleichbleibendes nicht dauerhaft binden. Sie kennt es. Es ist kein Reiz mehr. Es hört für sie auf zu existieren."
Das war der Moment, in dem ich innerlich innehielt. Ich hatte nie so darüber nachgedacht. Ich hatte immer gedacht: Mia will nicht spielen. Jetzt hörte ich zum ersten Mal: Das Spielzeug gibt ihr keinen Grund weiterzumachen. Das ist ein sehr kleiner Unterschied in der Formulierung, aber ein riesiger Unterschied im Verständnis.
Das klang nicht wie Theorie. Das klang nach Mia.
„Eine Katze braucht ein Spielzeug, das ihren Jagdinstinkt wirklich anspricht. Und das funktioniert nur, wenn sich das Spielzeug immer wieder verändert — wenn es sich jedes Mal anders anfühlt, anders aussieht, anders verhält. Dann bleibt es unbekannt. Und was unbekannt ist, das jagt eine Katze. Das weckt sie auf."
Sie sah mich an. „Hast du Mia eigentlich jemals Spielzeug gegeben, das sich durch ihre eigenen Aktionen verändert?" Ich überlegte einen Moment. Dann schüttelte ich den Kopf.
Kathrin lehnte sich vor. „Weißt du, was passiert, wenn Katzen dauerhaft keinen echten Reiz bekommen? Ihr Gehirn schaltet in eine Art Leerlauf. Die Katze schläft mehr als sie müsste, zieht sich zurück, kratzt an Möbeln oder Teppichen — nicht weil sie das will, sondern weil sie irgendetwas sucht, das reagiert, das sich verändert."
Ich saß ganz still. Das beschrieb Mia. Satz für Satz.
„Und der leere Blick am Fenster?", fragte ich.
Kathrin nickte. „Genau das. Die Katze beobachtet die Außenwelt, weil es in ihrer Innenwelt nichts gibt, das sie beschäftigt. Sie ist nicht faul. Und sie ist auch nicht unglücklich mit dir. Ihr Gehirn ist schlicht nicht ausgelastet — und das macht etwas mit ihr." Sie machte eine kurze Pause. „Wenn eine Katze dasselbe Objekt zum dritten Mal sieht — dasselbe Aussehen, dieselbe Bewegung — hat ihr Gehirn es vollständig verstanden. Es ist bekannt. Es wird uninteressant. Deshalb funktioniert normales Spielzeug nach ein paar Tagen nicht mehr."
„Was kann ich denn da tun?", fragte ich.
„Du brauchst etwas, das sich nicht vollständig verstehen lässt", sagte Kathrin ruhig. „Etwas, das die Katze selbst verändert — sodass sie danach nicht dasselbe vorfindet wie vorher. Dann bleibt der Reiz bestehen." Sie sah mich an. „Genau so ein Spielzeug habe ich für Paula gefunden."