Es war ein Dienstag, kurz nach halb eins. Ich saß mit Kathrin in der Kantine. Wir arbeiten im selben Unternehmen, kennen uns seit Jahren, essen gelegentlich zusammen. Kein enges Verhältnis, aber ein unkompliziertes. Man redet, wenn man sich sieht.
Kathrin ist 54 und arbeitet ebenfalls Vollzeit. Sie hat eine Europäisch Kurzhaar namens Coco, viereinhalb Jahre alt. Das wusste ich, weil sie manchmal Fotos zeigte.
Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema kamen. Irgendjemand fragte mich nach dem Wochenende, ich erzählte etwas, und dann war Luna plötzlich Thema.
Ich erzählte ihr kurz, wie die letzten Wochen waren. Dass Luna abends immer sofort auf Maximum war, dass ich die Federangel kaum noch in die Hand nehmen konnte und dass das Miauen manchmal nicht aufhörte, auch wenn ich schon längst auf dem Sofa lag.
Kathrin hörte zu, nicht mit dem halben Ohr, während sie nebenbei aufs Handy schaute. Sie hörte einfach zu.
Dann sagte sie: „Das kenne ich. Das hatte ich genauso.“
Ich schaute sie an. Kathrin sah nicht aus wie jemand, den dieser Zielkonflikt täglich aufreibt.
Und das hatte mich schon länger gewundert.
Ich fragte: „Wie meinst du das, du hattest es genauso? Hast du diese Situationen nicht mehr? Wie hast du das geschafft?“
Sie lehnte sich leicht zurück. „Ehrlich gesagt durch eine Erkenntnis, die ich zu spät hatte.“, sagte sie.
„Ich habe jahrelang Spielzeuge gekauft. Coco hat es zwei, drei Tage angeschaut und dann nie wieder.
Ich hab das immer auf sie geschoben. Sie sei halt wählerisch, oder ich hätte einfach noch nicht das Richtige gefunden. Bis mir jemand erklärt hat, dass das kein Charakterproblem ist. sondern viele Katzen Spielzeug mit der Zeit weniger interessant finden.
Ich hörte zu.
„Das Problem ist nicht Coco. Das Problem ist, dass ich ihr Spielzeug gekauft habe, das immer gleich bleibt. Und Viele Katzen reagieren besonders stark auf wechselnde Reize und neue Bewegungen, nicht auf Bekanntes. Bekannte Reize scheinen für viele Katzen schnell an Spannung zu verlieren.
Dieser Satz traf mich anders als ich erwartet hatte. Ich hatte immer gedacht: Luna will nicht alleine spielen. Jetzt hörte ich zum ersten Mal, dass Luna auch alleine spielen wollte, aber das Spielzeug ihr schlicht keinen Grund dafür gab.
„Eine Katze braucht Reize, die sich verändern“, fuhr Kathrin fort. „Nicht täglich neues Spielzeug. Sondern Spielzeug, das sich durch die Katze selbst verändert, so dass sie beim nächsten Herantreten nicht dasselbe vorfindet wie vorher. Dann bleibt der Reiz bestehen, automatisch, ohne dass du etwas tun musst.“
„Hast du Luna eigentlich jemals Spielzeug gegeben, das sich durch ihr eigenes Spielen verändert?“, fragte sie.
Ich überlegte kurz. Dann schüttelte ich den Kopf.
„Genau das ist der Punkt“, sagte Kathrin. „Und weißt du, was passiert, wenn Katzen tagsüber nie wirklich auf etwas stoßen, das ihren Jagdinstinkt wirklich anspricht?”
Ich schüttelte erneut den Kopf.
„Sie werden abends nicht ruhiger. Sie werden fordernder. Das Miauen, das Einfordern, die Kratzer an Möbeln. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass eine Katze mehr Beschäftigung oder Reize sucht. Das ist eine Katze, die versucht, irgendetwas zu finden, das auf sie reagiert.“
Ich saß ganz still. Das beschrieb Luna auf den Punkt.
„Und wenn du abends dann zu erschöpft bist, um das aufzufangen“, sagte Kathrin, „dreht sich der Kreis einfach weiter. Sie schläft tagsüber, lädt sich voll auf, du kommst leer nach Hause und der Abend wird zum Kräftemessen.“
„Was kann ich denn dagegen tun?“, fragte ich.
„Du brauchst etwas, das Luna selbst verändern kann. Etwas, das jedes Mal anders ist, nicht weil du es neu einstellst, sondern weil sie es beim Spielen selbstständig umformen kann. Sie sah mich an und erzählte ganz gelassen, wie jemand etwas sagt, von dem er wirklich überzeugt war. „Genau so etwas habe ich für Coco gefunden.