Gisela wohnt in einem dieser ruhigen Altbau-Erdgeschosse in Altona, mit hohen Decken und einem kleinen Vorgarten, und schon als ich die Tür aufmachte roch es nach frischem Kaffee und irgendwie nach einem Haushalt, in dem Dinge in Ruhe ihren Platz haben.
Ihr Golden, Benny, fünf Jahre alt, rotes Fell, breite Schultern, lag auf einem großen Hundekissen neben der Heizung und schlief so tief und entspannt, als wäre das sein einziger Auftrag an diesem Morgen gewesen. Es war kurz nach elf. Ich habe mich an den Küchentisch gesetzt, die Kaffeetasse umfasst, und Gisela alles erzählt. Die langen Runden. Das Knie. Die Erschöpfung. Die Produkte. Die Monate in denen ich dachte, ich mache alles richtig, und trotzdem nichts besser wurde.
Gisela hat zugehört ohne zu unterbrechen, nur manchmal genickt, auf diese ruhige Art von jemandem der das, was man erzählt, schon selbst erlebt hat.
Dann hat sie gefragt: „Wie sieht euer Spaziergang meistens aus? Lässt du ihn schnüffeln?"
Ich habe einen Moment überlegt. „Er schnüffelt manchmal kurz, aber dann ziehe ich ihn meistens weiter.
Ich dachte immer, das Laufen ist das Wichtige." Gisela hat langsam genickt, als hätte sie genau das erwartet. Und dann hat sie angefangen zu reden, nicht als Expertin, nicht als jemand mit Fachjargon, sondern als jemand die dasselbe dreißig Jahre lang gemacht hat und dabei eine Menge falsch und am Ende doch richtig gemacht hat.Ihr erster Hund, hat sie erklärt, war genauso wie Rudi, trotz langer Runden abends zuhause unruhig und aufgedreht.
Sie hat damals dasselbe getan was alle tun: noch längere Runden, noch mehr Kilometer.
Und der Hund wurde nicht ruhiger, er wurde unruhiger.
Erst mit dem zweiten hat sie angefangen, das anders zu machen, weil sie verstanden hatte was Hunde wirklich brauchen um zur Ruhe zu kommen. „Ein Hund der läuft, bewegt seinen Körper", sagte Gisela.
„Aber wenn sein Gehirn dabei nichts zu tun hat, wenn er einfach nur neben dir hertrabt, ohne wirklich zu riechen und zu suchen und zu denken, dann kommt er nach Hause mit einem Körper der müde ist, aber einem Gehirn das noch hellwach ist. Und es ist das Gehirn das müde werden muss, damit ein Hund wirklich zur Ruhe kommt." Ich saß da und spürte wie sich in mir etwas verschob, ganz langsam, wie wenn sich ein Knoten löst den man so lange nicht bemerkt hat, dass man ihn schon für normal gehalten hat.
Das war die erste Erklärung, die für mich wirklich Sinn ergeben hat